Geschichte

BAAL novo – Einziges binationales Theater in Europa

BAAL novo  Theater Eurodistikt macht Theater für Alle!

Für alle Generationen, für alle im Eurodistrikt beheimateten Menschen mit und ohne ausländische Wurzeln, über alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten hinweg. Als ein Theater der Grenzgänger und Brückenbauer will BAAL novo – Theater Eurodistrict Begegnungen ermöglichen für Menschen aller Kulturen.

Zu Gründungszeiten steht das Nebeneinander der deutschen und französischen Sprache in den BAAL novo Stücken im Zentrum der künstlerischen Arbeit. Mit den Mitteln des Theaters wollen Edzard Schoppmann und Richard Doust Hemmschwellen, Sprach- und Berührungsängste der Badener und Elsässer Bürger abbauen. Die künstlerische Herausforderung dabei: Wie gelingt es, Stoffe, Dialoge und Szenen unter multilingualen Aspekten für (monolinguale) Zuschauer dramaturgisch, schauspielerisch und inszenatorisch spannend und mit hoher künstlerischer Qualität umzusetzen? BAAL novo sieht sich als Labor deutsch-französischer Zusammenarbeit, in dem Künstler beider Nationen jeden Tag kreative Zusammenarbeit üben und erproben. So realisiert BAAL novo in der Anfangszeit deutsch-französische bilinguale Projekte, die beiderseits des Rheins, im Elsass und in Baden gespielt werden.

Als sehr erfolgreiches typisches Beispiel dieser ersten BAAL novo – Jahre sei die Produktion MarlenePiaf genannt, ein Stück über die Freundschaft von Marlene Dietrich und Edith Piaf, das in nahezu 100 Vorstellungen in Deutschland und Frankreich gespielt, und auch von anderen Theater nachinszeniert wird.

Ab 2007 wurde das bilinguale Konzept zu Gunsten eines transkulturellen Anspruchs geöffnet, das auch türkische, arabische und russisch-ukrainische Kulturen – die Kulturen der Einwanderer in der Region – in die künst- lerische Arbeit mit einbezieht. Das Themenfeld von BAAL novo erweitert sich: Islamismus, die prekäre Situation von jugendlichen Mig- ranten in französischen Großstädten, Abschiebung u.ä. zeitkritische, aktuelle Inhalte werden durchleuchtet und auf die Bühne gebracht.

Für sein Stück Jihad mon amour, das den gewaltbereiten Islam mit einem lebensbejahenden, sinnlichen und toleranten Islam kontrastiert, erhält Schoppmann den deutsch-niederländischen Preis für Kinder- und Jugenddramatik. Die Inszenierung sorgt für viel Furore. Das Plakat und der Stücktitel werden von Seiten einiger Muslime in Offenburg als Provokation verstanden. Sicherheitskräfte befürchten ähnliche Szenarien wie bei der Ermordung des niederländischen Filmregisseurs Theo von Gogh und bewachen die Premiere mit Sicherheitspersonal und Sprengstoff-Suchhunden. Drohungen können das BAAL novo Ensemble nicht einschüchtern. Bewusst entscheiden sich die Theatermacher dafür weiterhin mit Mut, Dinge jenseits von „political correctness“ und „Kuschel-Interkulturalität“ anzusprechen. Wenn wir Brücken schlagen wollen zwischen unserer und fremden Kulturen, so die Über- zeugung, braucht es Ehrlichkeit, Offenheit und kreativen Streit in gegenseitiger Achtung.

Die Tourneetätigkeit erweitert sich in diesen Jahren, Gastspiele werden überall in Deutschland gegeben, in Frankreich tourt das Thea- ter zwischen der Bourgogne und Lothringen, in Deutschland folgt das Ensemble Einladun- gen vom südlichen Konstanz bis ins nördli- che Itzehoe, Koproduktionen mit ukrainischen und russischen Theatern werden realisiert. Im deutsch-französischen Kontext wird 2012 im Kinder- und Jugendbereich mit Allez hop ein sehr erfolgreiches jährlich stattfindendes Festivalformat entwickelt, bei dem inzwischen 10 Städte in der Grenzregion mit zuletzt 4000 Besuchern bespielt werden.

Mit dem Ziel neben nationalen und kulturellen auch Brücken zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu schlagen, bietet BAAL novo seit der Pro- duktion Mauersegler im Jahr 2011 jährlich mindestens ein soziokulturelles Projekt an, bei dem Bürger der Grenzregion zum Mitmachen aufgefordert werden.
Die soziokulturellen und interkulturellen Projekte wenden sich unter Mitwirkung von Betroffenen mit Unterstützung von professionellen Schauspielern und Regisseuren an ein breites Publikum mit dem Ziel, viele Menschen für die Lebenswelt gesellschaftlicher Gruppen wie Migranten, Obdachlosen, Arbeitslosen, allgemein sozial Schwachen zu interessieren. Gleichzeitig ist es Ziel dieser Projekte, Betroffenen eine Stimme zu geben, ihnen Aufmerksamkeit zu verschaffen und sie gesellschaftlich und per- sönlich zu stärken. So handelt Mauersegler von Jugendlichen, die auf der Straße leben und einen Weg aus der gesellschaftlichen Isola- tion suchen. Im Vorfeld der Theaterproduktion hatte BAAL novo einen Parkourworkshop für Jugendliche aus Offenburg und der Straßburger Vorstadt „Hautepierre“ angeboten.
Das sportliche Angebot, bei dem es darum geht, städtische Hindernisse wie Mauern mit Hilfe körperlicher Kraft zu überwinden, erfreute sich einer großen Nachfrage.
Zehn der rund fünzig Workshop-Teilnehmer hatten auch Interesse, zusammen mit dem BAAL novo Ensemble eine Choreographie für das Theaterstück einzustudieren. Gemeinsam segeln sie am Premierenabend mit den Profischauspielern über die Theaterbühne.

Auch in der ersten BAAL novo Freilufttheaterproduktion Die Odyssee stehen Amateure und professionelle Schauspieler gemeinsam auf der Bühne, auf einem zum Segelschiff umgebauten Feuerwehrauto touren sie durch den Eurodistrikt. Die Theaterproduktion baut auf einem einjährigen Projekt mit wohnungslosen Menschen auf. Den Auftakt zum Projekt bildet die Einladung Wohnungsloser zur Dreigroschenoper in der Inszenierung der Badischen Landesbühne Bruchsal, die in der Illiade in Strasbourg zu Gast ist.

Dort werden Kontakte zu Bewohnern von Obdachloseneinrichtungen aus Straßburg, Bruchsal und Offenburg geknüpft, die von BAAL novo Schauspielunterricht erhalten. Ihre Geschichten fließen später in die Inszenierung des Stückes Die Odyssee ein. Die Vorstellungen auf öffentlichen Plätzen im ländlichen Raum und Marktplätzen der Städte in der Region, verliehen Menschen eine Stimme, die sonst in unserer Gesellschaft selten zu Wort kommen. Das Projekt erlangte großes öffentliches Interesse und wurde zum Katholikentag nach Mannheim eingeladen.

BAAL novo – Theater Eurodistrikt hat das Ziel, mit hohem künstlerischen Qualitätsanspruch, zeitgenössisches Theater zu schaffen, das nah an den Menschen, vom Leben im Heute erzählt. BAAL novo greift Themen von gesellschaftlicher Relevanz auf, es bietet Unterhaltung, aber mit Haltung.

Trotz seines kritischen Geistes und gesellschaftlichem Engagements ist es BAAL novo immer sehr an niveauvoller Unterhaltung und an der Bescherung eines amüsanten Theaterabends gelegen. In den letzten zwei Jahren setzt sich BAAL novo zum Ziel, in der Region ein breiteres erwachsenes Publikum zu gewin- nen, indem das Ensemble einen deutsch-französischen Humor, eine genzüberschreitende spielerische Leichtigkeit entdeckt. Als Rahmen für die so realisierten meist musikalischen Comedys wird ein Zirkuszelt angeschafft, unter dessen Kuppel während des Sommers die Grenzregion bespielt wird. Mit Komödien wie Runter zum Fluss, Um die Welt in 80 Tagen und Zur Sache, Chérie! bietet BAAL novo den Menschen in der Region Theater für Kopf, Herz und Lachmuskeln.

Dabei kann sich der Zuschauer meist selbst in den Figuren wieder finden. Im Erfahrungsbericht des französischen Journalisten Alain-Xavier Wurst über das rätselhafte Flirtverhalten der deutschen Frauen zum Beispiel, sind viele Szenen und Charaktere doch mitten aus dem Leben gegriffen. Das bestätigte auch die BAAL novo Aktion im Vorfeld der Inszenierung, bei der Jennifer Rottstegge deutsch-französische Liebespaare im Cherie-Bühnenbild auf einer roten Kussmundcouch interviewte…

BAAL novo – Theater Eurodistrikt springt in seinen Aufführungen mit Leichtigkeit zwischen Sprachen, Kulturen und Nationen. Es verwebt Worte, Lieder, Bilder und Bewegungen zu einer einzigartigen Theatersprache, die vergessen lässt, dass es sprachliche und kulturelle Grenzen gibt.

Musik und Tanz sind seit jeher fester Bestandteil der BAAL novo Produktionen. In den Kinderstücken Ein Schaf fürs Leben, Die Schöne und das Biest und Die Welt ist rund werden am Schlagzeug ordentlich die Stöcke gewirbelt. Ensemblemitglied Clémence Leh, ein Tausendsassa der Musik, hat für zahlreiche Stücke die Musik eigens komponiert: Vom Rocksong für das Schattenbiest, über orientalische Klänge in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ bis hin zu den Ghetto-Rap-Tönen in Mauersegler.

Dem Einsatz von verschiedensten Instrumenten und Klangformen sind bei BAAL novo keine Grenzen gesetzt. Es wird zaghaft auf der Harfe gezupft, dynamisch an der Drehorgel gekurbelt, es fahren dem Zuschauer Elektrobässe durch die Gliedmaße und eine Schweizerin lässt jodelnd die Kuhglocke läuten. Schnute, die Figur aus dem Kinderstück Honigherz kommuniziert ausschließlich über Klänge: Sie ritscht, ratscht, klingelt und klappert mit Hilfe etlicher Percussion-Instrumente, die Diana Zöller geschickt an ihrem Kostüm angebracht hat.

BAAL novo – Theater Eurodistrikt versammelt unter seinem Dach ein Ensemble aus 8 Nationen. BAAL novo lebt Integration, offen, ehrlich, kritisch, respektvoll. BAAL novo heißt: Wir sind Menschen, die sich mit Menschen für Menschen engagieren, und mit unseren künstlerischen Mitteln fragen, was es bedeutet, heute Mensch zu sein.

Felix Grüning und Hans H. Diehl bringen Bewegung ins Theater und machen durch ihre Choreographien so manch eine Situation auch ohne Worte verständlich. Bei Szenen wie der slapstickartigen Verfolgunsjagd zwischen Hase und Hund (Die Welt ist rund) oder der rasanten Schlittenfahrt von Schaf und Wolf (Ein Schaf fürs Leben), bricht im jungen Publikum das Gelächter aus. Das waghalsige Laufen auf Riesenstelzen, das elegante Turnen am überdimensionalen schaukelnden Himmelbett (Marianne & Michel) sowie akrobatische Saltos und Katzensprünge (Die Mauersegler), beeindrucken auch die Großen.
Da geht es auf Spitze tänzelnd in Marcello, Marcelline & das Cello schon klassischer zu. Wenn gerade kein Pianist wie Richard Doust in MarlenePiaf oder der Musikrevue Affaires d’Amour in der Nähe ist, dann springt auch schon mal der technische Leiter Ben Schneider ein und begleitet die turbulente Weltreise in 80 Tagen um die Welt auf seinem Keyboard. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Franzosen ist auf Grund der unmittelbaren Grenznähe BAAL novo – Alltag, wenn auch nach wie vor eine tägliche Herausforderung.

Auch Bildende Künstler arbeiten immer wieder mit BAAL novo zusammen, wie der kongeniale Martin Bernhardt, der mit technischer Raffinesse außergewöhnliche Bühnenbilder entwirft und umsetzt, ebenso, wie der Maler und Grafiker Bruno Bouala. Beide begleiten das Theater BAAL novo kreativ in diesen 10 Jahren.Tilmann Krieg übersetzt in seinem eigenen fotografischen Stil Theater in bewegte Bilder, außerdem zeichnet der international rennomierte Fotograf für grafische Linie der BAAL novo Publikationen und zahlreicher Plakate verantwortlich.

Ebenfalls naheliegend ist das Engagement dreier Schweizer Kollegen, darunter der aus Australien immigrierter Schauspieler Artur Baratta.

Die BAAL novo Darsteller mit türkischen und kurdischen Wurzeln sind meist in Köln und Berlin wohnhaft und haben zu Proben und Vorstellungen eine recht lange Anreise.

Das ist natürlich Nichts im Vergleich zu den Kilometern, die das BAAL novo Ensemble für Projekte in Russland und der Ukraine zurücklegt. So inszeniert Edzard Schoppmann im Sommer 2011 zum Beispiel am russischen Staatstheater in Ufa Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran in russischer Sprache, ohne dieser selbst mächtig zu sein. Noch berauscht von der russischen Herzlichkeit, inszeniert er dann im Jahr 2012 im ukrainischen Krementschuk eine Performance entlang Dnepr und Rhein. Es war kulturell sowie künstlerisch eine ganz neue Erfahrung für das grenzüber- schreitende Ensemble. Ohne die künstlerische Arbeit des jeweils Anderen zu kennen, haben sich das ukrainische Troicki Theater und BAAL novo im Frühjahr 2012 an eine gemeinsame Theaterperformance gewagt.

Ein deutscher und ein ukrainischer Teil entstanden unabhängig voneinander im jeweili- gen Heimatland: In Deutschland ein szenischer Rundumschlag über Wein, Gemütlichkeit, Romantik, Nationalsozialismus, Krieg, Industrialisierung und Mauerfall, ein Streifzug durch alles Deutsche, dargestellt in einer Mischung aus Tanz, Bildertheater, Songs, Videoclips – wenig Sprache. In der Ukraine ein Bilderbogen ausgehend von mythischen Ursprüngen durch ukrainische Geschichte zur Moderne, bewegt dargestellt in einer Mischung aus Tanztheater und Folklore.
In Krementschuk trafen sich die beiden Ensembles zum ersten Mal und zeigten sich zum Auftakt einer gemeinsamen Schaffenszeit das bisher Erarbeitete. Der dritte gemeinsam vor Ort in Krementschuk erprobte Baustein beschäftigte sich mit der deutsch-ukrainischen Realität. Der Zeitdruck war enorm: Eine Woche intensive Proben, geprägt von organisatorischen Schwie- rigkeiten, sprachlichen Hürden, unterschied- lichen Vorstellungen, Auseinandersetzungen, Herzlichkeit, Gastfreundschaft, Dankbarkeit und starken Emotionen. Die so zusammen ent- wickelte Theaterperformance FluxArt wurde vom ukrainischen Publikum mit stürmischen Applaus und Bravo-Rufen gefeiert.

Die Kontakte zu den russischen und ukrainischen Partnern werden seither gepflegt. Im Sommer 2013 empfängt BAAL novo das 40-köpfige russische Ensemble mit seinem Musical „Die Blaue Kamee“ und organisierte eine beeindruckende Vorstellung mit aufwendigem Dekor in der Offenburger Reithalle. Im Zuschauerraum war eine ungewohnt ausgelassene Stimmung zu spüren. Die russischen Darsteller wurden bejubelt und mit Standing Ovations und Gesängen vom Publikum gefeiert. Viele Offenburger Bürger der deutsch-russischen Gemeinschaft hatten den Abend genutzt, um ein Stück Heimatkultur zu erleben. Einige von ihnen sind BAAL novo seither treu geblieben und standen im Jahr darauf selbst auf der Bühne. In HeimatExpress fährt ihr Zug aus der vertrauten alten in eine ungewisse neue Heimat ab. Mit eigenen Einwanderer-Erfahrungen im Gepäck haben die Amateure das Stück unter professioneller Anleitung von BAAL novo Theaterpädagogin Katrin Schwanen entwickelt.

BAAL novo – Theater Eurodistrict: Aufbruch ab Herbst 2015

BAAL novo macht nun nach 10jähriger Tätigkeit Zwischenhalt. Nach 10 Jahren ist es Zeit, neben den anstehenden strukturellen Veränderungen auch den bisherigen künstlerischen Weg zu hinterfragen, gleichzeitig einen Blick nach vorne zu werfen. Es ist der Moment innezuhalten, die Vision, den Antrieb der vergangenen 10 Jahre künstlerisch neu zu „beseelen“, einen Entwurf für die Zukunft neu zu erspüren, zu wagen, Veränderungen zu gehen. Die kommende Theatersaison stellt das Ensemble in diesem Sinne unter das Motto Aufbruch. Seien Sie gespannt darauf, wie die BAAL-novo- Theater Eurodistrict Reise weitergeht.